Auszug “Eine ganz normale Hure”

“Eine ganz normale Hure”
Roman
Dieter Moitzi

Das tiefschwarze Wasser nimmt mich wie einen alten Freund auf. Es fühlt sich warm und gemütlich an.

Danach sitze ich am Strand und zittere vor Kälte, während der leichte Wind meine Haut trocknet. Wie lebendig und friedlich ich mich dabei fühle!

Meine Zähne klappern so sehr, dass ich nicht höre, wie diskrete Schritte über den Sand gleiten. Ich springe erschrocken auf, als mir jemand ein Badetuch auf die Schultern legt.

Rachid, der junge Mann, den ich vor einigen Stunden eingestellt habe, steht hinter mir. Er ist weiß gekleidet. „Es tut mir leid! Ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber ich habe gesehen, wie Sie zitterten, also dachte ich, Sie bräuchten vielleicht das hier“, sagt er verlegen. Er hebt das Badetuch wieder auf, das heruntergerutscht ist, als ich aufgesprungen bin. Er drapiert es über meinen Oberkörper und reibt meine Arme.

Ich trete einen Schritt zurück und starre ihn benommen an. „Ist schon in Ordnung“, sage ich schließlich. „Du hast mich erschreckt. Aber jetzt ist alles in Ordnung. Und danke für das Badetuch.“ Ich lassen mich wieder auf den Boden fallen.

Rachid sieht mich an und weiß nicht, was er tun soll.

„Komm schon“, ich klopfe auf den Sand. „Setz dich her.“

„Ich dachte, Sie wollten alleine sein.“

„Selbst wenn du dableibst, fühle ich mich allein“, murmle ich. Dann lauter: „Ich hab nichts gegen ein bisschen Gesellschaft einzuwenden. Komm schon, setz dich.“

Er gehorcht.

Wir blicken in die Ferne, wo über dem Meer das schwache Morgenlicht fast unmerklich zunimmt. Eine angenehme Stille legt sich zwischen uns.

Er bricht sie nach einem Moment. „Ihnen ist immer noch kalt“, flüstert er. „Wollen Sie sich nicht was anziehen?“

„Meine Klamotten sind in meinem Zimmer“, flüstere ich zurück und achte darauf, die Magie der frühen Stunde nicht zu zerstören.

Rachid denkt darüber nach. „Wollen Sie, dass wir… miteinander schlafen?“, fragt er. „Dadurch würde Ihnen wärmer werden.“

Fassungslos starre ich ihn an. Dann dämmert es mir. Genau das soll er natürlich vorschlagen. „Nein“, sage ich. „Nein, ich will nicht… wie hast du es genannt? Mit dir schlafen? Nein, ganz sicher nicht.“ Ich lächle. „Trotzdem danke.“

„Sie sollten nicht hierbleiben“, murmelt Rachid. Er beginnt, mit einer Hand im Sand herumzugraben, und hebt sie dann hoch. Die feinen Körner laufen sanft zwischen seinen schlanken, gebräunten Fingern hinunter.

„Was?“, frage ich. Eine Sekunde lang glaube ich, dass das schon wieder eine der sonderbaren Warnungen ist, die ich erhalten habe.

„Sie sollten nicht hierbleiben. Sie werden sich erkälten“, erklärt er.

„Hm“, sage ich. „Komm her.“ Ich ziehe ihn näher. „Leg deinen Arm um mich. Das wird mich wärmen.“

Er kuschelt sich an mich und legt seinen Arm um mich. Ich spüre seine Körperwärme, seinen Atem an meinem Hals. Die Umarmung fühlt sich gut an, fast mütterlich.

„Sir?“, meint Rachid. „Ich habe mich gefragt…“

„Nenn mich Marc. Was denn?“

„Ach, nein. Das kann ich Sie nicht fragen.“

„Doch. Bloß keine Angst.“

„Aber… Sie sind mein Chef.“

„Guter Gott, nein! Michele ist dein Chef. Vielleicht glaubst du, dass ich in der Nahrungskette etwas weiter oben sitze, aber das ist meiner Meinung nach nicht der Fall. Wir sind irgendwie Kollegen. Also schieß los.“

Er denkt nach. Dann: „Ich dachte, Sie wären Madame Di Forzones… Ehemann?“

Nur mit großer Mühe gelingt es mir, nicht schallend aufzulachen. „Überhaupt nicht! Sie bezahlt mich für meine… ähm, Dienstleistungen. Genauso, wie du bezahlt wirst, verstehst du?“

„Wirklich? Aber so, wie Sie aussehen, müssen Sie doch nicht… ich meine, warum tun Sie das?“

„Du brauchst Geld zum Leben. Ich auch.“

„Aber… aber Sie sind Franzose. Sicherlich gibt es in Frankreich andere Jobs für Sie.“ Rachid schüttelt ungläubig den Kopf.

„Sicher, ja. Aber mein Job passt mir.“

„Wie sind Sie… in das alles hineingestolpert?“

„Zufall. Das Leben. Ich hatte die Qual der Wahl: Hure oder Verbrecher oder Politiker. Was sowieso mehr oder weniger das gleiche ist. Mein Vater war Politiker, weißt du, und ich wollte nie so werden wie er.“

„Ah. Okay. Ich verstehe“, lügt Rachid. Er starrt mich an, ein verletzlicher junger Mann, der dreinsieht wie Kate Bushs Man with the Child in his Eyes.

„Hey“, schlage ich vor. „Lass uns schwimmen gehen, ja?“ Ich springe wieder auf. Das Badetuch rutscht wie ein Schleier zu Boden. Alles ist besser als mein Schicksal zu besprechen. Schlimmer noch, Rachid hat mir seine unversehrte, unschuldige Seite gezeigt. Ich habe keine Lust, von seinen verletzlichen Augen, seinen tiefsinnigen Fragen berührt zu werden. „Komm schon.“ Ich helfe ihm auf. „Und zieh das aus!“ Ich zerre spielerisch an seinen Klamotten.

Rachid entkleidet sich. Sein entzückender junger Körper glänzt im frühen Licht der Morgendämmerung. Er grinst mich an.

Ich klopfe ihm auf den Hintern und laufe dann weg.

„Das wirst du mir teuer bezahlen!“, schreit er grinsend und läuft mir nach.

Wir stürzen uns in die sanften Wellen, beide wunderbar nackt, und wir quietschen und plätschern, zwei verspielte Kinder, zwei vom Leben noch unberührte und unbeschmutzte Knaben, während die Sonne am Horizont aufgeht.

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