“Bis dass der Tod uns scheidet”

Liebe Freunde, wie bereits angekündigt erscheint mein neuer Krimi “Bis dass der Tod uns scheidet” am 12. Juni 2020. Ich hab mir gesagt, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, euch eine kleine Leseprobe anzubieten, sozusagen einen Vorgeschmack auf das Buch.

Hier also die ersten Absätze dieses neuen Meisterwerks (Augenzwinkern). Ich hoffe, es gefällt euch und macht Lust drauf, das Buch zu lesen. Ihr könnt mir gerne einen Kommentar hinterlassen…

Das Buch könnt ihr übrigens auf Amazon oder Kobo bereits vorbestellen!

Kurze Bestandsaufnahme. Punkt eins: ich bin am Leben, was bedeutet, dass das Flugzeug nicht abgestürzt ist. Schon mal positiv. Punkt zwei: ich bin total geschlaucht. Weniger positiv, aber mit der Uhrzeit hat das wenig zu tun – die ist nämlich einigermaßen normal. Ich geh selten früher schlafen.

Punkt drei: das Bett. Wartet mal, ich probier aus, ob die Matratze gut gefedert ist. Okay; nicht schlecht. Hart, ohne gleich wie Stahlbeton zu sein, und das Bett ist nicht allzu scheußlich, trotz eines, äh, sagen wir mal: undefinierbaren Stils. Ein bisschen abgenutzt und veraltet halt, wie der Rest des Schiffs.

Ach ja. Knüller. Ich bin nicht bei mir zuhause, in meinem Bett. Nein, ich bin auf einem Schiff. Der Queen of Egypt, um genau zu sein. END-LICH!, möchte ich fast sagen. Seit Wochen redet Tantchen von nichts anderem. Queen of Egypt morgens, mittags und abends; hing mir schon zum Hals raus. Wenn Tantchen was im Kopf hat, erinnert sie mich immer an eine zerkratzte Schallplatte. Sie dreht sich, Hopp, springt zurück; dreht sich, Hopp, springt zurück. Man würde am liebsten mit dem Kopf gegen eine Wand rennen.

Also. Im Großen und Ganzen ist alles in Ordnung. 

Bin am Leben, in Ferien, und lieg in einem bequemen Bett. Mein Körper wimmert: »Heia!« Ein Nickerchen wär tatsächlich keine schlechte Idee, so ein Stündchen oder zwei. Immerhin ist es grad mal vier Uhr morgens, Himmelherrgott.

Aber meine grauen Zellen müssen im Standby-Modus sein, weil mein Hirn nichts davon wissen will. Es driftet lieber in sonderbare Gedankengänge und unzusammenhängende Erinnerungen ab, ein bisschen aufs Geratewohl. Sogar Jordan taucht kurz auf. Ganz kurz, weil ich mich sofort beeile, ihn wieder wegzuschieben.

Aber da seht ihr, wie kaputt ich bin. Weil Jordan! Echt!

***

Zwei Stunden später bin ich’s leid und steh auf. Wenn der Schlaf mich nicht beehren will, will er halt nicht.

Ich zieh die dicken Vorhänge auf. Die ersten Sonnenstrahlen betasten zaghaft das Land, als ob sie überprüfen wollten, ob der Morgen schon reif ist. Der große, leere Parkplatz unter meinem Fenster liegt noch im Halbschatten. Ein einsamer Mann in schwarzen Hosen und weißem Hemd raucht auf der Gangway eine Zigarette. Hinter ihm erblicke ich das schräg aufsteigende, mit verdorrtem Gras bewachsene Ufer. Weiter oben verbergen Palmen und Bougainvillea die Straße, auf der wir hierhergetuckert sind.

Mürrisch spring ich unter die Dusche. Ich bin kein Morgenmensch. Absolut nicht. Ich bin auch kein Schiffsmensch.

Danach zieh ich mich an. Shorts, ein Hawaiihemd, Flip-Flops.

Ich versuche, mit den Fingern meine Locken zu zähmen. Vergebene Liebesmüh, eh klar; die machen nie, was ich will. Ich zieh sie schließlich in einem Dutt auf dem Hinterkopf zusammen. Da habt ihr’s, soll euch eine Lehre sein. Bevor ich aufbreche, schnapp ich mir noch meine Sachen – Sonnenbrille, Handy, Block und Bleistift.

Ich verlasse meine Kabine und versetz mich in den Betriebsmodus »Entdecker & Forscher«. Irgendwie komm ich mir vor wie ein Junge an seinem ersten Ferientag in Hintertupfing. Kein Wunder – weil Ferien. Und weil Hintertupfing. Für mich jedenfalls. Mit alten Knackern herumfahren und alte Steine bestaunen, vielen Dank, sehr lieb, tolles Geschenk. Und obwohl mein Reisepass das Gegenteil behauptet, hab ich nicht den Eindruck, das Prädikat »erwachsen« zu verdienen. Zumindest nicht oft.

Der dicke, rote Teppich im Flur dämpft meine Schritte. Ein paar wie Kerzenhalter geformte Wandleuchten spenden fahles Licht.

Knapp vor der großen Treppe, über die man auf die anderen Decks gelangt, stoß ich auf eine Schwingtür. Sie führt zum Amun-Re Sonnendeck hinauf. Dem Oberdeck mit dem irrsinnig originellen Namen.

Ich schieb die Tür auf. Und BÄNG! Hitze! Ja du lieber Josef, ist das heiß hier! Das hat mir grade noch gefehlt. Natürlich kann man sich hierzulande mitten im Juni nichts anderes erwarten. Aber das Schiff ist dermaßen überklimatisiert, dass ich dieses Detail vergessen hab.

Vor mir führt eine schmale Wendeltreppe nach oben. Ich öffne die Knöpfe meines Hemds, bevor ich mich an den Aufstieg mach.

Das Oberdeck ist leer. Erleichterung. Die alten Knacker bleiben mir fürs Erste erspart. Vögel zwitschern halbherzig von den Bäumen am Ufer zu mir herüber, der Fluss klatscht sachte gegen die Schiffswand. Auf der anderen Seite des Decks seh ich eine Bar; sie hüllt sich noch in geheimnisvolle Schatten. Rechts von mir schlummern Tische und Sessel, links Liegestühle in vier langen Reihen. Auf beiden Seiten sind Sonnenplanen über das Deck gespannt.

Selbstverständlich bleib ich nicht lang allein. Wär viel zu schön. Ich genieße noch die Stille, als ich hinter mir ein Geräusch vernehme.

Ich dreh mich um.

Am Fuß der Treppe steht ein Mann so um die dreißig. Er ist mager, fast schon ausgezehrt, und trägt einen Trainingsanzug. Einen rosafarbenen, bitte. Chic, die Farbe – rosa wird viel zu oft unverdienterweise verschmäht. Der Mann schaut zu mir hoch. Sein Gesicht erinnert mich an eine kleine Maus: ein bisschen grau, ein bisschen ängstlich, ein bisschen schnüffelnd. Seine dünnen Haare fallen ihm lustlos wie weich gekochte Fadennudeln auf die Schultern.

Wir blicken uns kurz gegenseitig an, ich von oben, er von unten. Schließlich lächeln wir – die Höflichkeit verlangt so was –, und der Mann kommt die Stufen herauf.

Ich hab keine Lust, die dem Anlass entsprechenden Floskeln auszutauschen, also haste ich zur Reling auf der anderen Seite des Decks hinüber.

Und endlich entdecke ich die Aussicht.

Ja heiliger Bimbam!

Ich muss zugeben, es ist wie eine Ohrfeige. Weil vor mir, rechts von mir, links von mir: der Nil.

Bitteschön! Der NIL, verdammt noch mal.

Sein Kobaltblau erstreckt sich bis zum gegenüberliegenden Ufer und fließt in einer kaum wahrnehmbaren Bewegung träge zum weit entfernten Meer. Die aufgehende Sonne färbt das Wasser orange-gelb und verleiht den niedrigen Lehmhäusern entlang des Flusses gestochen scharfe Formen. Sie sehen wie rechteckige Schachteln aus, die hier und da zwei- bis dreistöckig aufeinandergestapelt sind. Schatten zeichnen lange, abgezirkelte Muster auf die Mauern. Mittendrin stechen weiße und gelbe Gebäude aus dem Schachtelhaufen hervor: Moscheen. Die dünnen Minarette, die hoch über den Rest hinausragen, weisen stolz zum Himmel empor. Ein paar Bäume und Palmen heitern das bräunliche Labyrinth mit verstaubtem Grün auf. Hinter der Stadt wabert Morgendunst um eine unwirtliche, steinig-wüstenhafte Bergkette, die der ganzen Landschaft ein noch unwirklicheres Aussehen verleiht.

Ich lass mich in einen Sessel fallen und atme tief durch, nun doch ein wenig aufgerüttelt.

Das ist Ägypten. Ägypten, hier, vor meinen Augen.

Unglaublich. Ich hab Dokumentarsendungen und Fotos gesehen; ich war sogar schon in Marokko und Tunesien. Aber das ist nichts verglichen mit dem, was ich hier seh – und was ich hier seh, gleicht einem Traum aus Tausendundeiner Nacht.

Dabei war meine Freude eine enden wollende, als Tantchen ankündigte: »Rat mal, wo wir im Juni hinfahren? Nach Ägypten!« Anstatt zu antworten: »Danke, Tantchen, du bist das liebste Tantchen der Welt«, war ich sauer, ich undankbarer Idiot. Sauer war ich übrigens – auf diskrete Art und Weise, versteht sich – bis vor knapp einer Minute. Gott sei Dank braucht es mehr, um mein Tantchen zu beeindrucken.

Ich seufze wohlig auf. Der Fluss fließt langsam von links nach rechts, silbern spiegelt die Wasseroberfläche den Himmel wider. Zwei alte Männer mit Turban auf dem Kopf und zerfurchten Gesichtern gleiten in der Ferne an mir vorüber. Ein Fischnetz hängt hinten an ihrem Boot. Ihre schmutzigweißen Dschallabijas flattern in der leichten Morgenbrise.

Sie winken mir zu und lachen natürlich und freundlich wie Leute, die nichts besitzen und trotzdem glücklich sind.

***

Ich bleib ein Weilchen auf meinem Sessel sitzen, während der junge Morgen erblüht. Mein Blick schweift über die Landschaft. Ich fühl mich verzückt und gleichzeitig erwartungsvoll, wie ein Forschungsreisender von Anno dazumal, der sich fragt, welche Abenteuer ihm in den nächsten Tagen bevorstehen.

Als ich endlich meinen Blick von der Aussicht losreiße, erblicke ich den Mann im rosa Trainingsanzug. Er steht am Heck und fotografiert.

Ich zieh ebenfalls mein Handy aus der Hosentasche und lichte das Panorama ab. Den legendären Fluss und die Fischer und die vor und hinter meinem Schiff vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffe. Das Ufer gegenüber. Die Berge. Den blassblauen Himmel.

Dann zücke ich Block und Bleistift. Ich fülle drei Seiten mit meinen schnellen, präzisen Zeichnungen. Meine Skizzen bleiben wie immer fragmentarisch, aber mir scheint, ich hab das Wesentliche festgehalten.

Nachdem ich wieder alles in den Hosentaschen meiner Shorts verstaut hab, steh ich auf. Das rosarote Mausmännchen hängt noch immer am Heck herum. Ich wende mich also dem Bug zu. Der ist um die Uhrzeit sicher leer.

Weit gefehlt. Ich bin echt ein Glückskind. Als ich näherkomme, seh ich sofort, dass dort ein junger Mann an der Reling steht.

Wo kommt der denn her? Hat er hier übernachtet, oder was?

Ich lass meinen Blick über seine schwarzen Haare schweifen, hinten und seitlich kurz geschnitten, oben aber länger, so ein Hipster-Haarschnitt halt. Unter seinem weißen T-Shirt zeichnen sich stattliche Muskeln ab. Seine Shorts entblößen wohlgeformte, sonnengebräunte Beine, deren Haare in der Morgensonne wie feine Goldfädchen aussehen.

Wenigstens ein netter Anblick. Von hinten jedenfalls.

Der junge Mann hört mich auf leisen Sohlen näherkommen oder spürt meinen Blick. Er dreht sich um.

Ja, hallöchen, du! Mein Herz macht einen Rückwärtssalto. Schöne Jungs sehe ich in meiner Arbeit haufenweise. Aber der hier gehört zu einer gehobeneren Kategorie. Er hat ein Gesicht wie ein Model, ohne Übertreibung. Wie so ein Typ, den man in »Vogue Homme« oder »GQ« anhimmelt. Kantiges Kinn, Römernase, perfekt getrimmter Dreitagebart. Die Stirn liegt frei, die dichten, nach hinten gekämmten Haare fallen in einer nachlässigen Welle hinters Ohr, als ob sie das freiwillig täten.

Leider teilt der Kerl meine sofortige Freude nicht. Überhaupt nicht. Im Gegenteil, er reagiert, als ob ein Monster vor ihm stünde. Gott sei Dank hindert ihn die Reling daran zurückzuweichen, sonst wär er schon in den Nil geplumpst.

Das tut dem Selbstwertgefühl gut.

Der Schönling fängt sich im letzten Moment wieder und mustert mich von Kopf bis Fuß. Sein kalter Blick bleibt an meinem nackten Oberkörper hängen, die dicken, aber perfekt geformten Augenbrauen ziehen sich zusammen. Mir fällt auf, dass seine Körpersprache insgesamt Distanz und kaum verhohlene Ablehnung ausstrahlt.

Trotz der sichtbaren Feindseligkeit murmle ich: »Guten Tag.« Vielleicht ein bisschen unterkühlt, aber immerhin. So bin ich erzogen worden. Natürlich füg ich in meinem Kopf »Arschloch!« hinzu, weil Hallo.

Der junge Mann nickt mir zu. Eine schwarze Haarsträhne fällt ihm über die Augen, er streicht sie nach hinten zurück. Er scheint zu zögern, dann dreht er mir wieder den Rücken zu.

Okay, Arschloch. Schmoll ruhig weiter, ist mir völlig egal. Ich brauch keine Männers, auch wenn sie noch so schön sind.

***

Eine halbe Stunde später hat die Sonne ihren Lauf über den makellosen Himmel in Angriff genommen; die Temperatur steigt. Der Hipster-Schrägstrich-Arsch schmollt noch immer in seiner Ecke, als ich mich auf einen schattigen Liegestuhl zurückziehe. Unsere Begegnung war nicht unbedingt von der angenehmen Art, aber wenigstens strafen er und der Kerl in Rosa meine anfängliche Prognose Lügen, was auch was wert ist. Wir sind zumindest drei auf diesem Schiff, die von unten her auf die Sechzig zugehen.

Mit dem Handrücken wisch ich den Schweiß weg, der über meinen Oberkörper rinnt und meine Brusthaare befeuchtet. Ich muss zugeben, ich bin durstig. Vorhin hab ich in der Kabine eine Flasche Wasser in den Kühlschrank gestellt. Wisst ihr was? Die geh ich jetzt holen. Man muss ja immer aufpassen und sich mit ausreichend Flüssigkeit versorgen, wie Tantchen sagen würde. Gut, sie meint damit Aperitifs, aber ihre Aussage bleibt trotzdem weise und wahr. 

Der Mann in Rosa hat sich anscheinend auch satt gesehen. Als ich die Wendeltreppe erreiche, steht er schon auf der letzten Stufe unten.

Er wartet auf mich und hält mir die Schwingtür auf.

»Danke«, sag ich höflich.

»Schön, nicht wahr?« bemerkt er freundlich.

Ich schau ihn überrascht an. Seine Stimme hat ein schönes, tiefes Timbre und passt eigentlich überhaupt nicht zu seinem schmächtigen Äußeren und seinem kleinen Mäuschenkopf. Er wedelt affektiert in der Luft herum. »Ich meine die Landschaft und das Morgenlicht.«

Automatisch denk ich: Aha. Eine Schwester. »Sehr schön, ja«, sag ich. »Luxor ist eine Wohltat für die Haut.«

Er gluckst erheitert.

Wir betreten den Gang. Irgendwo fällt leise eine Tür ins Schloss. In der Kabine gegenüber der Schwingtür sind die Insassen auch schon auf. Ich hör, wie eine Frau sagt: »… ich glaub, er hat’s verstanden. Der belästigt dich nicht mehr, Spatzi.«

Spatzi! Grins. Ich möchte ehrlich gesagt nicht, dass jemand »Spatzi« zu mir sagt.

Aus den anderen Kabinen dringen ebenfalls Gespräche, kaum lauter als Gemurmel; man hört Duschen rauschen. Das Schiff wacht langsam auf. Ein angenehmer Geruch hängt im Gang, so ein holzig-ledriges Männerparfüm, das mir bekannt vorkommt. Das rosa Mäuschen muss einen ganzen Flakon versprüht haben.

Der junge Mann bleibt vor einer Tür stehen. »Bis später beim Frühstück«, meint er entspannt.

»Bis später«, antworte ich. Als ich an ihm vorbeigeh, steigt mir ein starker, frischer Zitrusgeruch in die Nase. Aha. Das ledrige Parfum ist also nicht seins…

Er dreht den Schlüssel im Schloss herum. »Mein Chéri – bist du munter?«, fragt er, bevor er eintritt. Die Tür fällt leise zu.

Ich hab mich nicht getäuscht. Mein Chéri, nicht meine Chérie. Er ist eine Schwester, ich bin also nicht der einzige Schwule an Bord.

Ich leg die letzten Meter bis zu meiner Kabine zurück und fummle in den Taschen meiner Shorts herum. Handy… Bleistift… Block… Hallo? Wo hab ich bloß den Schlüssel hingetan? Hab ich ihn überhaupt mitgenommen? Scheiße – hoffentlich hab ich mich nicht ausgesperrt…!

Und da –

Auf einmal –

***

Ein Schrei, der mir durch Mark und Bein geht. »AAAAAAAAAAHHHHHHH !«

Ich zucke zusammen, fahr herum, stier den leeren Gang an. Was war das? Wer war das? Wo war das? Was soll ich tun?

»MEIN GOTT! MICHEL!«

Michel? 

Eine böse Vorahnung verkrampft mir die Eingeweide.

***

Den Rest könnt ihr dann ab dem 12. Juni entdecken…

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